Ich habe mich lange gesträubt, einem Lifestyle nachzugehen, der seit Corona zum Trend geworden ist. Wie eine Schnecke, die das eigene Zuhause mitnimmt und sich überall dort niederlässt, wo es gerade schön ist. Gehindet haben mich Umstände wie kein eigenes Klo zu haben oder der Öffentlichkeit permanent ungeschützt ausgeliefert zu sein. Mit wenig zurechtzukommen lernte ich in den letzten Jahren ganz gut, da ich wenig Geld zur Verfügung hatte und haushalten musste. Im materiellen Mangel die innere Fülle zu finden ist deshalb wenig problematisch für mich, da der Umstand, in den Tag hineinleben zu können, niemandem gerecht werden zu müssen, für niemanden „brauchbar“ sein zu müssen mir sämtlichen Druck meiner Existenz nimmt und alle Freiheit – meinen höchsten Wert – schenkt, ich selbst zu sein, meiner Intuition folgen zu können und mich im Geflecht des Lebens & Schicksals verbunden zu fühlen.
Ich habe sozusagen ein stabiles Zu Hause in mir gefunden und erlebe bei unserem ersten Campingausflug, dass es noch mehr solcher Paradiesvögel, Aussteiger und Genossen gibt, die ganz nach dem Prinzip „leben und leben lassen“ existieren.
Keiner schaut empört zum anderen, jeder ist bei sich und doch so nah auf der Stellfläche des Campingplatzes. Mein Körper fühlt weder Angst, noch Panik. Er fühlt sich wohl, ungewohnt stabil und sicher inmitten all dieser Leute. Vom Nachbarplatz höre ich eine Bewohnerin zur anderen sagen: „Kein anderes Volk findet in ihrer Verahrlosung die absolute Erfüllung.“ Interessant, denke ich. Denn ich kenne die Zustände sehr gut von Zu Hause, wenn meine Kinder nicht bei mir waren, ich mich wirklich um nicht und niemanden kümmern musste, dass ich es in einer Woche nicht mal schaffte, mir etwas Essbares zu besorgen, geschweige denn zuzubereiten.
Nach ein paar Tagen lethergischer Schwere, die ich durchweg in meinem Bett verbrachte, schaffte ich es dann mal zur Dusche oder Badewanne. Mehr nicht. Und jetzt treffe ich hier Menschen, die ähnlich wie ich damit zufrieden sind, in ihrem Stuhl zu sitzen, auf den See oder in die Weite zu starren und vielleicht nebenbei ein Buch zu lesen. Ruhig, firedlich, erfüllt. SO erfüllt, dass ich offensichtliche Falschaussagen meines Mannes einfach stehen lassen kann, ohne darauf reagieren zu müssen.
Da spreche ich noch nicht einmal von Belehren oder Rechthaben wollen, sondern von der Richtigkeit, die evtl. für unser funktionales Leben entscheidend wären. Nicht einmal das. Ich lasse ihn einfach in seinem Glauben und bleibe bei mir. Oder ich ignoriere sein Gerede im vollsten Vertrauen, ja fast schon Naivität und merke später, dass das Leben ihn von ganz allein eines Besseren belehrt.
Ich muss nichts tun, nicht streiten, nicht reden, nicht kontrollieren, keinen Verstand einschalten. Ich fühle mich getragen, kann alles annehmen, wie es ist. Wo sonst mein Verstand einsetzen würde, bleibt nichts anderes übrig, als Durchlässigkeit. Jeglicher Wiederstand scheint aufgelöst, ich kann mich hingeben und eins mit mir und der Umgebung sein.