Dianes Diary – 40..und jetzt?!

Mein ganzes Leben lang habe ich auf meinen 40. Geburtstag „hingearbeitet“. Ich dachte als kleinste von 4 Schwestern, „mit 40 bin ich endlich so alt und erwachsen, dass man mich ernst nimmt“. Ich wusste immer, dann „mache ich, was ICH will“. Einerseits habe ich als „Kriegerin“ und „Lichtarbeiterin“ oder auch „Göttin der Jagd“, wie es meinem Namen entspricht, ziemlich geackert, getriggert, ertragen, ausgehalten und Pionierarbeit geleistet, in dem ich mit meinen teilweise beängstigenden und doch mutigen Entscheidungen voran gegangen bin. Alles im Dienste einer „höheren“ oder auch „unbewussten“ Macht, die mich führte, intuitiv.

Andererseits habe ich nie weitergedacht, als bis zur 40. Vielleicht weil ein Teil von mir dachte/fühlte/nicht wusste, ob ich dann überhaupt noch leben würde, da meine Mutter und meine Schwester mit Anfang 40 Krebs hatten und mich dieses Schicksal auch treffen könnte, obwohl ich mir jahrzehntelang Vaters Philosophie über die körperliche Unantastbarkeit meines Körpers erhalten konnte. Doch mit wachsenden Kämpfen gegen Mauern & Niederlagen schmerzt auch dieser zunehmend.

Und mit dem Brechen der Seelenkraft fehlt irgendwann der Antrieb, die Sinnhaftigkeit und sogar der Mut weiter- oder voranzugehen.

Ein anderer Teil von mir hatte einen festen Plan. Ich hätte meinen Ex-Mann erst mit 40 verlassen, um dann tun und lassen zu können, was ich wollte, insbesondere den Rausch zu erleben, den ich mit 30 erlebte, als er mir zuvor kam und mich samt der Kinder vor die Tür setzte. Dann hätte ich jetzt die 10 Jahre der intensiven Selbsterfahrung noch vor mir – Bock auf’s Leben, wie ich es damals hatte, um dann direkt mit 50 auswandern zu können, weil die Kinder ohne mich klar kämen.

Auswandern war schon mit 16 mein Lebensziel – meinen Lebensabend im Paradies, evtl. mit einer netten, erschwinglichen Pflegekraft zu verbringen, die sich liebevoll um mich kümmert. Auf keinen Fall in diesem kalten, engen, harten, dunklen Deutschland.

Tja, nun ist mein 40. Geburtstag noch so ziemlich genau 9 Monate hin – eine ganze Schwangerschaft also.

Ich sitze hier und merke, dass mein Leben nicht mehr von alten Motoren angetrieben wird. Keine Angst mehr, die Kinder zu verlieren, keine Kämpfe mehr gegen Männer oder Systeme, keine großen Pläne, die mich über Wasser halten. Ich bin angekommen und gleichzeitig verloren.

Manchmal schaue ich in den Spiegel und erblicke eine wunderschöne Frau, die in der Mitte ihres Lebens echt stolz sein kann, wie gut sie sich gehalten hat. Sie leuchtet. Die Haut braungebrannt von der Gartenarbeit, die Haare braun, gewellt und voluminös mit einzelnen grauen Elementen, die zeigen, dass die Lebensenergie langsam schwindet und ein Körper, der die ideale Sanduhr zwischen Muskeln und Weiblichkeit formt. Mit den hellblau strahlenden Augen gleicht sie ihrem früheren Idol Uschi Obermaier, die machte, was sie wollte und heute irgendwo allein in Californien lebt, genauso wie Stevie Nicks, die ebenfalls allein lebt. Wilde, selbstbestimmte Frauen, die ihren Weg gegangen sind und ihn noch gehen. Ob sie sich einsam fühlen, weiß ich nicht. Ich fühlte mich allein nie einsam. Eher allverbunden. Wer mitgeht, geht mit, wer zurückbleibt bliebt zurück. Nichts ist schlimmer als Stillstand. Und nichts erkenntnisreicher.

Doch diese glänzende Hülle passt nicht zu meinem inneren Erleben.

Ich fühle mich so schwer, wie 50 Tonnen Blei. Mein Körper schmerzt. Ich kann nicht mehr stark sein. Es ist, als hätten sich alle Widerstandskräfte in Luft aufgelöst und ich würde ungefiltert die Sorgen, Ängste, Schmerzen und Besserwisserei der unerleuchteten breiten Masse in mich aufnehmen. Jegliches Abgrenzungsvermögen scheint verschwunden. Meine eigenen Muster der Sorgen, Kontrolle, des Grübelns und vor allem des Mitleidens fressen meine Energie, so dass mich die Kritik und Ablehnung, die ich überlicherweise gut wegstecken konnte, nun erdrückt und mich in die tiefste Finsternis meiner selbst führt. Jahre des zurückgezogenen Klosterlebens verfeinerten meine Wahrnehmung & Intuition bis zur letzten Schwingung außerhalb meiner selbst und bildeten mich zur Detektivin meiner eigenen inneren Stimme und Wahrheit aus. Die Dinge sind oft nicht so, wie sie scheinen. Menschen sind es nicht. Gottes Wege unergründlich. Und in mir Chaos, all das zu sortieren, was sich da draußen zeigt, ich aber anders sehe.

Menschen, die meinen, alles besser zu wissen und mir auf die Nerven gehen mit ihrer Einsamkeit und Kontaktsuche, den leisen Vorwürfen von „Tu doch mal was und sei nicht so faul“ oder „Sag‘ einfach nichts mehr, das ist das Beste für alle“. Wie man es macht, ist es falsch. Ist es denn nicht möglich, ich sein zu dürfen, ohne anzuecken, ohne andere zu verletzen oder zu triggern und dabei als Ursache, Schuldige, Verantwortliche oder gar Böse dazustehen? Dazu braucht es Stärke, Resilienz, wie man heute sagt.

Was passiert, wenn man nicht mehr stark sein muss? Wer ist man, wenn man nicht mehr gegen das Schicksal ankämpfen, nicht mehr „gegenhalten“ muss?

Ich habe so viele Rollen gespielt, dass ich ohne sie fast nackt dastehe. 40..und dann?! Will ich Freiheit, aber meine Kinder brauchen noch meine Wurzeln. Wollte ich Leichtigkeit, doch mein Körper trägt die Müdigkeit der letzten Jahre. Will ich tanzen, aber manchmal will ich auch einfach nur schlafen, ohne mich dafür schämen, rechtfertigen oder schuldig fühlen zu müssen. Manchmal will ich einfach nur verschwinden, weg sein, nicht mehr existieren. Und glücklich sein, ohne die Missgunst der anderen.

Vielleicht ist die Wahrheit: Dass dazwischen ein Niemandsland ist. Kein altes zu Hause, denn es fühlt sich fremd an. Aber auch noch kein Neues. Ein Zwischenraum, den ich füllen darf, Satz für Satz, Tag für Tag.

 

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