Der Tanz meines Herzens

Nun ist es entschieden. Ich habe mich verbindlich zum Contemporary-Floorwork-Tanz angemeldet. Eine Probestunde habe ich bereits absolviert. Die Lehrerin ist eine spanische Tanzpädagogin mit Diplom. Ich mochte ihre einfühlsame und erkennende Art, als sie sah, wie sehr sich mein Körper mit einigen Bewegungen, wie der Schulterrolle quälte. Sie meinte, dass die Bewegungen für Kinder noch ganz automatisch, normal und natürlich sind, aber das Gehirn diese Art der Bewegung verlernt, sobald man einen Beruf gelernt hat. Das stimmt, da muss man Haltung waren und viel nachdenken, dachte ich.

Ich fühlte mich wohl, auch wenn ich die Abläufe nicht ganz hingekriegt habe und mit blauen Knien nach Hause gegangen bin. Wohlfühlen – etwas, das ich in Nähe, Verbindung und Gesellschaft anderer selten fühlte. Jahrelang wollte ich allein sein und war es auch, um mein eigenes Herz wieder fühlen zu können. Es war bislang die schönste Zeit meines Lebens – vor allem die erfüllteste.

Natürlich machte ich Tiefpunkte und Erschöpfung als Folge der Scheidung, dem Versorgen der Trennungskinder und der Schuldgefühle, für die Welt nicht mehr funktionieren zu können, durch.

Doch ich konnte es halten, bis heute. Das Nicht-Gefallen.

Jetzt bin ich wieder verheiratet, wie einst, als ich mit meinen damaligen Kolleginnen, die heute noch meine Freundinnen sind, in den Stammclub vorn am Karl-Marx-Platz schlenderte, um in unseren Heels ein wenig den Alltagsstress unserer noch jungen Karriere und gleichzeitiger Mutterschaft entfliehen zu können. Bevor wir Kinder hatten war es mein Schuppen mit 99%iger Trefferquote bei der Eroberung männlicher Beute.

Was habe ich gelernt aus den letzten 20 Jahren Karriere, Ehe- und Familiendasein?

Als Frau muss man sich immer ein bisschen schwach zeigen, weil Männer sich schnell von starken Frauen dominiert, unter Druck gesetzt und untergraben fühlen, so dass sie in ihre kleine Jungen Rolle verfallen und den Urschmerz mit ihrer Mutter noch einmal erleben, was sie dann emotional triggert und entweder aggressiv, dicht, oder flüchtend macht. Ich dachte lange, ich hätte meinen Ex-Mann damals manipuliert, weil ich partnerschaftliche Bedürfnisse hatte und kommunizierte, die ich mir nach und nach selbst erfüllen musste, weil sie ignoriert, nicht ernst genommen, sogar niedergemacht wurden. Ich nahm ihm nichts mehr ab, kümmerte mich mehr um mich selbst, als um ihn, was ihn dazu veranlasste, mich samt der Kinder aus unserem Haus zu werfen.

Für mich war das gleichzeitig Erlösung sowie ein tiefer Fall der Ohnmacht. 10 Jahre habe ich gebraucht, um mich zu sortieren, aufzurappeln, weiterzumachen, mich sogar nochmal auf einen Mann einzulassen und das Wagnis des Vertrauens einzugehen, um zu erkennen, dass ich nie etwas falsch gemacht hatte.

Und jetzt…jetzt gehe ich wieder tanzen – als 39jährige ohne Alkohol und Heels – gebrochen und gezeichnet – wieder zusammengesetzt und doch fragil – in der Zwischenzeit von Alt & Neu.

Im Mittelpunkt des Kurses steht der Boden als wichtigstes unterstützendes Element. Der Boden wird zum Partner. Es geht um drücken, gleiten, schmelzen, fallen, rollen, spiralförmige Bewegungen, Dynamik. Für mich geht es vor allem darum, nicht mehr nachzudenken, sondern zu fühlen. Nichts daraus zu machen, wie z.B. zu bewerten oder mich mit Gedanken, Emotionen oder dem Tun und lassen zu identifizieren oder zu interpretieren. Fühlen, Fließen, Fertig… im Nebeneingang meines damaligen „Fickschuppens“… jetzt lichtvoll, therapeutisch, notwendig.

Nach 3 Jahren Eroberungskampf, Grenzsetzungen, Kurskorrekturen, Unsicherheiten, Sorgen, Ängsten, Ungewissheiten und Zweifeln, ob und wie diese Liebe wahrhaftig, rein und echt ist brauche ich dringend Erholung. Denn sie ist es und ich kann loslassen.

 

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