Trügerischer Perfektionismus – die Ich-Haftigkeit der vermeintlichen Selbstlosigkeit

Quelle Bild: Sabine Wettengel: www.LichtRaum-Wettengel.de

Gerade wir Frauen neigen dazu, uns für andere aufzuopfern, zuzuhören, wenn andere Hilfe brauchen, da zu sein, wenn Unterstützung gefragt ist und dabei immer zu geben und zu geben.

Daran ist grundsätzlich gar nichts schlecht. Im Gegenteil – diese fürsorglichen Fähigkeiten sind durchaus sehr sinnvoll, nützlich und im Sinne des großen Ganzen. Doch klagen viele – insbesondere Damen – später, dass sie sich ausgelaugt fühlen, dass sie nicht wertgeschätzt werden, dass sie eben immer nur geben, ohne etwas zurückzubekommen oder sogar ausgenutzt werden. Es entsteht Leidensdruck.

Verlust von Grenzen

Das Problem ist hier allerdings nicht das Helfen an sich, sondern die Motivation für das Helfen. Denn oft glauben wir nur, dass wir aus Selbstlosigkeit helfen und für andere da sind bzw. Energie abgeben/abziehen lassen. Der eigentliche (meist unbewusste) Grund für dieses Verhalten besteht darin, Wertschätzung durch die anderen zu erhalten. Das zeigt sich natürlich auf die tückischsten Arten, indem wir uns nicht „genug“ fühlen und immer noch mehr machen oder eine Art Pflichtgefühl in uns tragen, welches uns bei Grenzsetzung schwere Schuldgefühle verursachen würde.

Sei es nun dadurch, indem wir selbst aktiv tun, um zu gefallen oder Dinge über uns ergehen lassen, uns Energie abziehen lassen, keine Grenzen setzen können, weil wir sonst in die Gefahr kommen, andere vor den Kopf zustoßen/zu frustrieren und wir dadurch natürlich nicht mehr Mutter Theresa sind.

Das bringt auch eine gewisse Angst vor Kontrollverlust mit sich, weil wir ja bislang unsere Wertschätzung von anderen abhängig gemacht und uns damit dem Willen anderer ausgeliefert haben. Fällt dies nun weg, in dem man vernünftig abwägt und erkennt, dass man hier gar nicht selbstlos, sondern aus eigennützigen Gründen (Wertschätzung anderer) handelt, könnte man mit einer gewissen inneren Leere konfrontiert werden, die üblicherweise depressive Stimmungen herbeiführt, aber DIE Chance für HEILUNG ist.

Perfektionismus vs. Narzissmus

Viele Damen regen sich über die narzisstischen, selbstsüchtigen und egozentrierten Männer auf, die nur um sich herumkreisen und ihr Tun und Lassen vor allem in den Diensten ihrer Selbst stellen.  Doch verkennen die Damen dabei, dass sie es selbst es nicht besser machen. Der Narzisst, der vor allem um sich selbst kreist ist Ich-haft. Ich-Haftigkeit wird neben den psychotherapeutischen Betrachtungen auch in der Spiritualität als EGO bezeichnet. Narzissten strahlen, weil sie sich selbst so lieben. Die Damen sind das passende Pendant und entsprechen den klassischen „Perfektionistinnen“. Nur, dass sie ihr EGO nicht über sich selbst füttern, sondern über das DU, was sie letztlich genauso ich-haft und egozentriert macht.

„Denn sie machen ihren Wert vom DU abhängig“

Denn sie machen ihren Wert (und das ist letztlich der triebhafte/unbewusste/selbstzentrierte Grund für ihr Tun und Lassen) vom DU abhängig. Dies kann bis zur absoluten Erschöpfung geschehen. Ohne zu gefallen, ohne Erfolg, ohne Märtyrerin-Sein, ohne bla bla bla ist man nichts wert. Dazu gehört das „sich-in-dem-anderen-verlieren“ und das unbewusste Überschreiten eigener Grenzen, um die Wertschätzung des anderen zu erhalten. Das entspricht Identifikation, Anhaftung, Unfreiheit, Enge, Angst und erzeugt Verstrickungen. Das ist nicht selbstlos, sondern purer Egoismus, dem man da nachgibt. Im Gegenteil zum Narzissten merken aber hier die anderen nicht, worum es dem Perfektionisten eigentlich geht und dass er andere im Grunde auch nur für sein Selbstgefühl benutzt, um ihnen dann später die „Schuld“ dafür zu geben, dass er sich „aufopferte“. Das Erschreckende ist, dass die halbe Gesellschaft so gestrickt ist und es als „egoistisch“ gilt, wenn man eigene Grenzen erkennt und setzt, obwohl es im Sinne des großen Ganzen geschieht.

„Angst fühlt sich immer eng an. Liebe weit“

Ein Beispiel dafür ist der Impfwahn. Weshalb müssen andere für das Sicherheitsgefühl einzelner Verantwortung übernehmen, nur weil es einzelne Angsthasen gibt, die es nicht schaffen, selbst dafür Sorge zu tragen, dass sie sich sicher und beschützt fühlen? Angst fühlt sich immer eng an. Liebe weit.

Wahre Selbstlosigkeit kommt aus dem Herzen und bedeutet Hingabe

Das 3-Stufen-Modell Sigmund Freuds bezeichnet das Triebhafte in uns (ES), was Lust verstärken und Unlust vermeiden will. Dazu gehören auch solche Triebe, wie Anerkennung, Wertschätzung etc. Dann gibt es eine Ebene der Vernunft (Über-ICH), die auch gesellschaftlich in uns geprägt wird. Manch spiritueller Mensch könnte diese Ebene als die göttliche „Selbsttranszendenz“ verstehen. Ein Teil dieser Ebene ist aber eben auch unser Verstand, der unersetzbares Werkzeug unserer Ganzheit darstellt. Die innere Stimme weiß, was richtig und falsch ist. Diese Instanz wägt ab und betrachtet von oben objektiv. Und der Verstand weiß, dass man auf keinen Fall allen Menschen gerecht werden oder gefallen kann.

Aber letztlich soll und muss das Herz entscheiden, welcher Weg gegangen wird. Dazu braucht es aber zunächst Zugang zum eigenen Herzen bzw. zu den eigenen Werten, die idealerweise das „Gute, Schöne und Wahre“ beinhalten. Es ist also eine unglaubliche Fähigkeit, den anderen zu betrachten und sich selbst dabei zurückzunehmen. Das „sich-verlieren“ ist eigentlich eine wunderschöne Tugend, die es überhaupt nicht zu egozentrieren gilt, indem man unbedingt „bei sich bleibt“ und damit das Ego füttert. Ziel ist es doch, das Herz auf zu machen, Verständnis für die Unzulänglichkeiten anderer zu haben, ohne in eine Rolle der „Veränderung“ gehen zu müssen.

Schlüsselaufgabe zur Authentizität – innere Werte finden und nach ihnen leben

Unsere eigenen inneren Werte entsprechen letztlich unserem inneren Standpunkt, der uns als Mensch, welcher Spiritualität mit der materiellen Welt vereinen will, davor „beschützt“, uns nicht im anderen zu verlieren oder uns selbst zu vergessen. Das rechte Maß beim Helfen zu behalten, offen, freundlich und gerecht zu sein, während die Konflikte um uns herumtoben. Achtsam und aufmerksam sein, wahrnehmen, was da draußen passiert. Wenn wir die Natur beobachten stellt sich ein ganz natürliches Gefühl von „Erdung“ ein, weil wir die Welt in uns aufsaugen.

Was sind denn die wirklichen Werte des Herzens?

Ehrlichkeit, Gelassenheit, Geduld, Bescheidenheit, Loyalität, Verständnis/Toleranz, Gerechtigkeit, Integrität, Selbstverwirklichung im Sinne von Selbstausdruck/Authentizität – „Ich sage und zeige ehrlich und offen, was ich denke und fühle.“

Wahre Hingabe in den Diensten der anderen

Wahre Hingabe in den Diensten der anderen bedeutet, die Dinge auf sachlicher Ebene „in Ordnung“ zu bringen. Damit füttert man weder eigene Identifikationen noch überhöhte Bedürfnisse von Wertschätzung, die durch das Außen zurückkommen. Vor allem spürt man eigene Grenzen und Belastbarkeiten frühzeitig, um eine Balance zwischen dem Ich und dem Du herzustellen. Wahre Hingabe impliziert vor allem sehr viel Sinnhaftigkeit von dem, was man tut und dass es im Sinne des großen Ganzen „Wahren und Schönen“ ist. Sich selbst mit allen Stärken und Schwächen anzunehmen und sich selbst so zu sehen, wie man wirklich ist (Demut) und damit zufrieden zu sein ist der erste Schritt zur wahren Hingabe. Erst dann kann man wirklich von der Selbstzentrierung wegkommen, um sich echt und wahrhaftig dem Schönen und Guten zu widmen.

Weitere Lektüre zum Thema:

Raphael Bonelli: „Perfektionismus – Wenn das Soll zum Muss wird“

 

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