Alchemie – der materielle & spirituelle Stirb-und-Werde-Prozess von Zwillingsseelen

Im Allgemeinen beschreibt die Alchemie die Umwandlung von Blei zu Gold. Dazu braucht es eine gewisse chaotische Urmaterie, die in einer gewissen Form vorhanden ist (Feuer, Wasser, Erde, Luft). Die Umwandlung findet letztlich über die ideale Vermischung der jeweiligen gemeinsamen Qualitäten (heiß, flüssig, trocken, kalt) statt. Feuer ist beispielsweise heiß und trocken. Erde ist kalt und trocken. Wasser kann flüssig, kalt sowie heiß sein. Luft ist feucht (flüssig) und heiß oder trocken und kalt oder heiß.

Durch die Theorie der Elemente entstand weiterführend die Theorien von Schwefel und Quecksilber. Diesen zu Folge sollten durch die Vereinigung von Schwefel und Quecksilber verschiedene Mineralien und Metalle entstehen, die je nach ihrem Verhältnis zueinander und ihrer jeweiligen Reinheit das perfekte Metall entstehen lassen würden – nämlich Gold. Stimmt das Verhältnis oder die Reinheit nicht, entsteht Silber, Bleib, Zinn, Eisen oder Kupfer.

Man braucht also die Urmaterie sowie das Wissen über die Vermischung dieser Materie im idealen Sinne, so dass NEUES (Wertvolles) entstehen kann. Durch das Herumexperimentieren drifteten viele Alchemisten in Phantasien, Halluzinationen, Visionen und Träume ab, die scheinbar nichts mehr mit dem eigentlichen Ziel – Materie zu verwandeln zu tun hatten.

Metaphorisch betrachtet gehörten diese „Ausflüge“ in die Schattenwelt allerdings zu den größten Leistungen, wie Carl Gustav Jung es später beschrieb. Münzt man diesen materiellen Stirb-und-Werde-Prozess auf den therapeutischen/spirituellen Prozess, den Seelenpartner im Laufe ihrer Entwicklung durchmachen, hilft es zu verstehen.

Die 4 Stufen der Transformation

Auf jeder Stufe erlebt der Alchemist eine immer intensivere Reinigung, gefolgt von Feuer jener Stufe (alchemistische Hochzeit), welche die Geburt eines neuen Selbstbildes und schließlich den Tod dieses Selbstbildes einleitet. Dieses Feuer wird immer stärker und stellt letztlich „nur“ das Erwecken der feurigen Liebe im Herzen dar. Beim Mann geschieht dies durch die anima – die innere weibliche Seelenpartnerin. Bei der Frau durch den animus – den inneren männlichen Geist.

NIGREDO – „Die Schwärzung“ (Eva & Tarzan)

In der ersten Stufe erfahren wir die Reinigung der Erdnatur in uns. So, wie in der Natur ein Organismus erst sterben muss, bevor ein neuer entstehen kann (Beispiel weiblicher Zyklus) gilt es durch das Sterben zur Quelle der Erdnatur zurückzugelangen.

In unserem Seelenpartnerprozess ist dies die erste Erfahrung in den eigenen tiefen Schatten des Unbewussten einzutauchen. Dort erleben wir „die erste dunkle Nacht“, in der jeder Sinn scheinbar verloren geht und das innere Chaos mit all den inneren Konflikten ins Licht des Bewusstseins tritt. Während die Erfahrung der inneren Welt immer realer wird, intensiviert sich der Wunsch vor allem wegzurennen. Es entsteht Wut, Frustration, Angst und Verzweifelung aufgrund der Unvereinbarkeiten. Hier braucht es viel Geduld, Demut, Annahme, Vertrauen und Zuversicht, bis der Reinigungsprozess all die inneren Konflikte Stück für Stück aufgelöst hat und ein neuer innerer Zustand der Klarheit und Freiheit entstanden ist. Am Ende dieser ersten Stufe geht es also um die innere Versöhnung mit der eigenen Erdnatur.

Die Begegnung mit der eigenen Erdnatur befreit das Selbstgefühl von seiner Identifikation mit den Elementen Wasser (Emotionen) und Erde (Materie). Emotionen, mit denen wir hier konfrontiert werden, müssen gefühlt werden, um sie loslassen und zur nächsten Stufe schreiten zu können. Es ist also mehr ein Überwinden der unbewussten Identifikation mit diesen „negativen“ Gefühlen und Gedanken, was uns letztlich befreit. Dadurch bedroht die Welt unser wahres SELBST nicht mehr und wir können wählen, wann und wie wir die Welt in unser Selbst integrieren wollen, anstatt andersherum.

Ähnlich verhält es sich mit der Identifikation mit weltlichen Dingen, wie unserem Körper, Geld, Elternfiguren. Auch hier haftet der Schleier der Unbewusstheit über unserer Wahrnehmung, der erst durch den Sterbeprozess schwindet. Dadurch bekommen wir eine klare Vorstellung davon, wer wir wirklich sind. Ein befreiteres Selbstgefühl stellt sich ein. Solange unser wahres SELBST an diesen weltlichen Dingen haftet, bleiben wir innerlich gespalten. Lassen wir los, können wir innere Führung entdecken, die uns zur ersten physischen Vereinigung und alchemistischen Hochzeit beruhend auf „sinnlicher Liebe“ durch anima und animus führt. Dieser Akt führt zur Befreiung der Seelennatur (Luftelement).

ALBEDO – „Die Weißung“ (Helena von Troja & Paris)

Nach der Begegnung mit der Erde folgt nun eine weitere Reinigung hin zur Seelennatur des „Mondes“. Hier erkennt man sich nicht nur selbst, sondern beginnt ein umfassendes Verständnis davon zu bekommen, was die Quelle des eigenen Seelenlichtes ausmacht. Man lernt hier Bereiche der Psyche zu transzendieren und den reinen Geist (Mondsymbol) als Quelle anzuerkennen.

Psychotherapeutisch könnte man sagen, dass dies eine Phase ist, in der sich der Klient von der Welt zurück zieht und nur noch die Dinge tut bzw. so viel am Leben teilnimmt, dass die Dinge weitergehen, da sich die meisten Kräfte nach innen wenden. Man fängt an, die Richtung des Lebens in Frage zu stellen und die Spreu vom Weizen zu trennen. Vergleichbar ist dieser Prozess mit dem Erzeugen von Dampf (Chemie), um von einer Substanz „Wichtiges“ vom „Unwichtigen“ zu trennen. Wir erkennen uns also nicht nur, sondern wir verstehen und fühlen, wer wir als individuelle Seele mit all unseren Fähigkeiten und Qualitäten wirklich sind.

Dem entsprechend zwingt uns das Leben nun viel gewissenhafter, offener, mutiger und scharfsinniger zu sein, als je zuvor. Der Weg nach innen verlangt eine große Integrität, Kraft und Ausdauer und macht sehr einsam. Aber auch dieser Sterbeprozess führt zur zweiten alchemistischen Hochzeit von Mondfrau und romantischen Helden, welche die zweite Wiedergeburt einleitet, wo sich das wahre SELBST mit seiner Seelennatur identifiziert.

CITRINITAS – „Die Gelbung“ (die Jungfrau & der Priester)

Die dritte Stufe bezeichnet das Aufgehen des Sonnenlichtes. Der „gelbe Tod“ tritt nun ein und löscht das Mondlicht komplett aus, um die echte „dunkle Nacht der Seele“ einzuläuten. Die Illusion des Selbstbildes als getrenntes Individuum darf nun sterben. Die dualistische Vorstellung, welche Subjekt und Objekt getrennt erfährt wird vollständig ausgelöscht.

Psychotherapeutisch könnte man diese Phase am ehesten mit Schizophrenie vergleichen, weil auch hier sämtliche Grenzen aufgelöst werden. Der Mensch verliert jedes Gefühl für Individualität und bewegt sich in einer vollständig subjektiven Welt. Er verliert die Fähigkeit, objektiv zu sehen und sich von seiner Erfahrung zu trennen.

Das Bewusstsein wandelt sich nun vom Mondlicht zum Sonnenlicht und erweckt damit einen neuen Zugang zu spirituellen „Offenbarungen“, die fernab von Verstand und Wissen liegen. Es ist mehr das, was wir Intuition nennen und über sämtliche bislang gemachten Erfahrungen hinaus geht. Man entscheidet dann nicht mehr aus seinem Erfahrungsschatz oder Verstand heraus, sondern intuitiv, auch wenn dies scheinbar keinen wirklichen Sinn ergibt. Es ist das „tiefe Wissen“, was sich hier offenbart – erwachtes Bewusstein.

Auf dem Höhepunkt dieser Stufe ist der Alchemist völlig frei. Es ist ein Zustand reinen Geistes, reiner Intelligenz, jenseits von Zeit, Raum und Form.

Die dritte alchemistische Hochzeit findet hier zwischen der göttlichen Jungfrau und dem spirituellen Lehrer bzw. Priester auf der Ebene der „spirituellen Liebe“ statt und beruht auf vollständiger Hingabe. Durch die Hochzeit wird die Geburt des Sonnenbewusstseins eingeleitet – Erleuchtung.

RUBEDO – „Die Rötung“ (Mutter Gottes & Christus)

Auf der vierten Stufe erweckt der Wunsch wieder zurück zur Erde zurückzukehren und das „erleuchtete“ Bewusstsein komplett in Körper und Verstand zu integrieren. Hier werden Materie und Geist neu miteinander verbunden.

Der „rote Tod“ leitet nun das Sterben dieser „Freiheit“ des Geistes aus Stufe 3 ein. Trotzdem hat die Seele den Wunsch, erneut verkörpert zu werden, ohne das Gefühl der Trennung von ihrem ursprünglich „reinen“ Zustand. Erst wenn die Seele wieder vollständig im Körper und im Verstand/Psyche „inkarniert“ ist, kann sie den Zustand spiritueller Vollkommenheit erfahren, in dem sie Himmel und Erde in sich vereinigt.

Die Verbindung von Geist und Seele mit dem Körper/Verstand/Psyche ist die letzte und wichtigste alchemistische Hochzeit. Die Anima wird nun zur Mutter Gottes/Göttin und der Animus zum Erleuchteten. Die Hochzeit beruht auf „mystischer Liebe“ und bedeutet nun, Gottesbewusstsein in die Erdenwelt hineinzugebären. Im Zustand der „Einheit“ mit dem kosmischen Ganzen kann nun die eigenen göttliche Natur als erleuchtetes, transzendentales Individuum wahrgenommen werden.

Psychotherapeutisch kann man dies so erklären, dass nun die Natur der eigenen Probleme mit dem damit verbundenen Dilemma einmal verstanden und transzendiert wurde, so dass der Klient nun vor der Aufgabe steht, dies praktisch im Leben anzuwenden. Dazu gehört, die Veränderungen der Persönlichkeit, Raum schaffen für neue Einsichten und die nötigen Schritte zu gehen, um die Heuchelei des bisherigen Lebens in das Leben zu verwandelt, was der eigenen Natur entspricht.

Dann ist der Geist (animus) materialisiert und der Körper (anima) spiritualisiert. Und so können die Seelenpartner durch ihre gemeinsame Essenz (Seele) auf gleicher „erwachter“ Ebene von Körper/Verstand/Psyche wirken und die eigene wahre Natur auszudrücken.

Eine kleine Buchempfehlung zum Ende von C.G. Jung & Paracelsus über Alchemie, Psychologie und Unbewusstes:

„Studien über alchemistische Vorstellungen“

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